26.02.2014
By: Helga Klinger-Groier

Österreichisches Deutsch


Letzte Woche war ich krankheitshalber an den Fernseher gefesselt.  Dies bot nicht nur Gelegenheit, mich im Rahmen der Olympia-Übertragungen aus Sotschi eingehend mit den nervenzerreißenden Curling-Wettbewerben näher zu beschäftigen, sondern  auch einen ORF-Bericht zum Thema „Abwehrkampf ums Österreichische“ über mich ergehen zu lassen.  Motivation genug also,  schnellstmöglich zu genesen.

In diesem Fernsehbeitrag wurde in aller epischen Breite lamentiert, dass eine „Germanisierung“  der österreichischen Sprache stattfinde, was daran zu erkennen sei, dass man in Tirol mittlerweile nicht mehr nur „Knödel“, sondern auch schon „Klöße“ serviert bekomme und dass am Grazer Bauernmarkt kein „Lungenbraten“, sondern Rinder-Filet angeboten werde.  Zurückzuführen sei diese deplorable Entwicklung auf die Tatsache, dass die österreichischen Ausdrücke als nicht richtig oder unschön empfunden werden und dass Germanistik-Professuren im Land immer öfter mit Deutschen besetzt werden. Nun ja, das mag ja alles stimmen und auch ich setze mich hiermit offiziell für die Erhaltung der „Germ“, der „Marille“, des „aufi“ und des „obi“ (nicht des Baumarkts!) ein.

Dennoch verhehle ich nicht, dass ich mir mit manchem als „österreichisch“ definierten Ausdruck schwertue. Auf Wikipedia beispielsweise wird als österreichische Entsprechung für Grüne Bohnen  „Fisolen“ angegeben.  Das Problem:  In Kärnten heißt dieses Gemüse „Strangalan“, in der Steiermark „Bohnschoten“  und in anderen Teilen Österreichs eben „Fisolen“.  (Wie sagt man eigentlich in Vorarlberg?)  Welcher ist nun der österreichische Ausdruck? Ähnliches gilt auch übrigens auch für das „Beisl“, für „leiwand“  für „hiebei“ und so weiter und so fort.

Jedenfalls: In besagtem Fernsehbeitrag tritt – wie könnte es auch anders sein – Herr Prof. Muhr von der am Institut für Germanistik der Karl-Franzens-Universität Graz beheimateten Forschungsstelle Österreichisches Deutsch auf. Ja, genau derjenige, der auch die österreichischen Unwörter des Jahres kürt. Er diagnostiziert: „Alles, was in Deutschland normal ist, ist gut; alles was in Österreich normal ist, ist schlecht.“  (Sprachlich gesehen, meint er natürlich). Und deshalb, so eine seiner messerscharfen Schlussfolgerungen, sei es für Österreicher sehr schwer „im Bereich Übersetzungen Aufträge zu bekommen.“  Wie bitte? Wer hat ihm denn diese Weisheit zugetragen?

Ich hatte in den letzten 20 Jahren meiner selbstständigen Übersetzerinnentätigkeit wahrlich mit genug Hürden zu kämpfen (einen Teil beschreibt dieser Blog), aber meine Nationalität war genau zwei Mal ein Thema. Das erste Mal vor etwa zehn Jahren, als mich ein - ausgerechnet aus dem tiefsten Bayern stammender – Auftraggeber (selbst laut eigenen Angaben „Fachübersetzer“) tatsächlich fragte, ob ich denn auch wirklich ins Deutsche übersetzen könne. Ich antwortete mit einem schlichten „Ja, und Sie?“.  Damit war die Sache erledigt.

Die zweite Begebenheit ereignete sich vor wenigen Monaten, als ein deutscher Leser dieses von mir übersetzten Artikels beanstandete, dass es im Deutschen „Vermögensteuern“ und nicht „Vermögenssteuern“ heißt.  Tatsächlich.  Die Version mit den zwei „s“ ist wirklich österreichischer Sprachgebrauch, aber ein Blick in den Duden verheißt Tröstliches: es sind beide Varianten „korrekt“.

So, und jetzt möchte ich wissen, woher Herr Prof. Muhr, seine Weisheit wirklich hat. Ich werde mich also mit oben erwähnter Frage an ihn wenden und sollte er neben seinen Forschungen Zeit für eine Antwort haben und mir diese auch übermitteln, wird sie selbstverständlich im nächsten Blogbeitrag Erwähnung finden. Einstweilen verabschiede ich mich mit einem echt österreichischen und herzlichen „Pfiat Gott“ („Tschüss“, für die Uneingeweihten – Sie sehen, ich kann doch ins Hochdeutsche übersetzen). 


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