21.05.2013
By: Helga Klinger-Groier

Die Sprachreinhalter reiten wieder


Die Reinhalter der deutschen Sprache sind zurück. Unlängst gab der Verein Deutsche Sprache mit der Veröffentlichung eines Anglizismen-„Index“ ein Lebenszeichen von sich.  Schon allein die Wortwahl „Index“ ist vielsagend.  Dieses Gefühl beschlich wohl auch den Wiener Geschäftsstellenleiter des Vereins Muttersprache, Norbert Prohaska, der sogleich beschwichtigte und meinte, dass man „Index“ im ursprünglichen Wortsinn, also als „Sammlung“, verstanden wissen möchte. Ja klar, und warum benutzt man dann nicht gleich das Wort „Sammlung“ oder „Liste“, anstatt ungute Assoziationen zu wecken?

Bevor wir ein paar der „indizierten“ englischen Begriffe sowie deren vorgeschlagene deutsche Alternativen unter die Lupe nehmen, sei eines festgehalten: Es gibt sie aus meiner Sicht tatsächlich, die völlig  überflüssigen Anglizismen. Stellvertretend sei hier das „Ticket“ erwähnt, das man sich mittlerweile auch schon am Bahnhof Hintertupfing kaufen kann. Warum man in diesem Fall nicht bei der „Fahrkarte“ bleiben kann, ist wirklich rätselhaft.

Ganz anders verhält es sich allerdings mit der Mehrzahl der anderen „indizierten“ Anglizismen. So findet sich zum Beispiel für den indizierten Begriff „Pub“ die österreichische Empfehlung „Beisl“ (entspricht in Deutschland der „Kneipe“). Zunächst ist einmal festzuhalten, dass das Wort „Beisl“ nicht einmal in ganz Österreich, sondern vornehmlich im Raum Wien verwendet wird (Kärntner oder Steirer beispielsweise gehen nicht in ein „Beisl“, sondern höchstens in ein Gasthaus, Lokal usw.). Aber davon einmal abgesehen, bitte ich Sie nach der Lektüre dieses Satzes die Augen zu schließen und sich vor Ihrem geistigen Auge zuerst ein Pub und dann ein Beisl beziehungsweise eine Kneipe vorzustellen….Ziemlich großer Unterschied, oder? Eben. Deshalb wurde das „Pub“ auch völlig zu Recht als Bezeichnung für traditionell irische Lokale in das Deutsche übernommen.

Besonders abgesehen haben es die Sprachreinhalter offenbar auf den Sport.  So wird für die Sportart „Curling“ allen Ernstes „Eisstockschießen“ als deutschsprachige Alternative vorgeschlagen.  Und für „American Football“ – Sie ahnen es bereits – „amerikanischer Fußball“.  Und ob Sie es glauben oder nicht: die „Cheerleader“  will man als „Jubeltruppe“ oder „Einheizer“ bezeichnet wissen.  Da spielt es auch schon keine Rolle mehr, dass man aus Sicht der Anglizismenverweigerer statt „Volleyball“ „Prellball“ oder „Flugball“ sagen soll.

Aber den Sprachreinhaltern sei zum Trost gesagt, dass etliche der von ihnen so furchtbar empfundenen Anglizismen auch wieder verschwinden. Ich schrieb vor über zwanzig Jahren meine Diplomarbeit zum Thema Anglizismen in den Nachrichtensendungen des Österreichischen Rundfunks. Ein Blick in meine „Liste“ der damals häufig gebrauchten Begriffe zeigt, dass man manche davon heute wahrscheinlich überhaupt nicht mehr kennt. Wer kann mir denn auf Anhieb (und ohne zu „googlen“ – Achtung: Anglizismus!!) sagen, wer oder was AWACS sind? Oder Sanction Assistant Monitors?

Übrigens: „googeln“ steht tatsächlich auf dem Index. Empfohlen wird die Verwendung der Phrase „mit einer Suchmaschine im Netz suchen“. Aufgrund der Länge und Umständlichkeit so mancher vorgeschlagenen deutschen Entsprechung wird schnell klar, warum sich viele Anglizismen so gut in das Deutsche integrieren.

So, und jetzt dürfen Sie mit einer Suchmaschine nach AWACS und Sanction Assistant Monitors im Netz suchen. Oder Sie machen es sich mit einer Tüte „gerösteter Kartoffelscheiben“ sowie dazugehöriger „Würzsauce auf Tomatenbasis“ gemütlich  - gegen sprachliche Einwanderung aus Frankreich (Sauce!) hat man offenbar nichts. Streng genommen müsste es doch „Würztunke“ heißen, oder?


Comments

Elisabeth Groier, 10.06.2013
"lol" - ein großes "like" für dieses "posting"
AWACS? Ich kenne nur EWKOS! ;)
Martin Jaksche, 27.08.2013
oder doch: mit einem Sackerl ... auf Paradeisbasis (ÖD, also österreichisches Deutsch). Wenn es BE und AE gibt, wieso nicht auch ÖD und DD?...
liebe Grüße
Martin

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