12.08.2013
Von: Helga Klinger-Groier

Dringliche Anfrage


Grundsätzlich ist eine selbstständig erwerbstätige Person natürlich immer höchst erfreut, wenn sie Anfragen für neue Projekte erreichen (und sie sich nicht aktiv um neue Kundschaft bemühen muss). In dieser Hinsicht bilde ich keine Ausnahme. Doch bei so mancher Anfrage erweist sich deren bloße Beantwortung schon als reine Zeitverschwendung.

Ein besonderes Gustostück in dieser Hinsicht erreichte mich dieser Tage. Genau genommen eines Abends, als mir kurz vor 20 Uhr die Nachricht eines mir bis zu diesem Zeitpunkt unbekannten Absenders (Übersetzungsagentur) zugestellt wurde. Sie lautete:

Guten Tag, Können Sie für Morgen Abend was von Englisch auf Deutsch übersetzen, und wenn ja, wieviel? MfG,“

Normalerweise bediene ich bei Mitteilungen dieser Art sofort die Taste „Löschen“. Doch diese einzigartige Ansammlung von rüdem Ton und (nicht nur sprachlicher) Inkompetenz in zwei kurzen Zeilen machte mich neugierig, weswegen ich antwortete:

 „Guten Abend (!), prinzipiell gerne, aber wie viel, hängt von Thema und Schwierigkeitsgrad ab.“

Kurz darauf erreichte mich die – in ihrem Ton wieder unübertrefflich herzlich gehaltene – Antwort:

 „Hallo, Anbei finden Sie den Datei. Können Sie also was übernehmen? MfG,

Ich warf „also“ einen Blick auf „den Datei“ und musste feststellen, dass es sich um ein 18-seitiges, durchaus anspruchsvolles Dokument aus dem Bereich der Diabetes-Forschung handelte. Normalerweise wäre jetzt der Zeitpunkt zum Abbruch des Dialogs gekommen gewesen, doch weil mich interessierte, wie viel man zu zahlen bereit war, antwortete ich erneut:

Danke für das Dokument. Ich könnte die Hälfte davon - also 9 Seiten - bis morgen Abend übernehmen. Mein Tarif ist 0,15 EUR pro Wort.“

Natürlich wäre es völlig utopisch gewesen, an einem Tag neun Seiten dieses anspruchsvollen Dokuments (über 3.000 Wörter) in guter Qualität zu übersetzen. Ich wollte einfach wissen, ob man mir ein Wunder zutraut. Meinen Tarif von 0,15 EUR pro Wort fand ich angesichts der Eile, in der ich dieses Wunder vollbringen sollte, auch mehr als entgegenkommend. Ich wartete also auf Antwort… und sie erreichte mich tatsächlich zwei Minuten später:

„Hallo, Ich kann höchstens 0,08 EUR zahlen.MfG,“

Tut mir leid, aber für ein Wunder ist das zu wenig. Dafür muss der Auftraggeber schon was springen lassen. Ich sagte ab und damit war die Angelegenheit für mich erledigt. Wie die Sache ausgegangen ist, werde ich nie erfahren, aber wenn Ihnen in nächster Zeit ein sprachlich dubioses Dokument zur Diabetes-Forschung in die Hände fällt, wissen Sie wenigstens Näheres zu dessen Entstehungsgeschichte.

Abschließend noch eine kleiner Tipp, sollten hier auch mögliche Auftraggeber mitlesen: Vergeben Sie Ihre Übersetzungsaufträge nicht immer an den Billigstbieter und lassen Sie vor allem den Übersetzern etwas Zeit – es wird der Qualität der Übersetzung garantiert nicht schaden.


Kommentare

Jürgen Loizenbauer, 15.01.2014
Echt köstlich! Hoffe ich Ieide nie an Diabetes!
LG Jürgen

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