10.09.2013
Von: Helga Klinger-Groier

Nur einmal kurz durchsehen


Ein Ansinnen, das in den letzten Jahr(zehnt)en wohl am öftesten an mich herangetragen wurde, lautet: „Wir haben da einen Text, der ist schon auf Englisch – könnten Sie sich das nur kurz einmal durchsehen und die Fehler ausbessern?“  „Aber natürlich, gerne, dafür sind wir ja da“, lautete meine Antwort üblicherweise, obwohl in meinem Hinterkopf schon auch immer wieder kurz die Frage auftauchte, wer den Text wohl so „übersetzt“ haben mag, dass eine professionelle Korrektur offenkundig nötig erschien. Ein Hobby-Übersetzer? Der Sekretär vom Chef? Gar eine professionelle Kollegin oder ein Kollege?

In früheren Zeiten, also bevor das Internet und vor allem der allseits beliebte kostenlose Übersetzungsdienst in die Arbeitswelt Einzug hielt, wurden meist Firmen-Mitarbeiter, die „perfekt“ Englisch sprachen, mit Übersetzungstätigkeiten betraut. Verständlich: Aus Kostengründen griff man immer schon lieber auf „Ressourcen“ im eigenen Unternehmen zurück. Die Ergebnisse dieser Bemühungen landeten mit schöner Regelmäßigkeit bei mir und die Strategie dieser Spontan-Übersetzer schien klar. Man übersetzte, was der eigene Wortschatz hergab und komplexere Textpassagen, für die die perfekten Sprachkenntnisse nicht mehr reichten, wurden einfach ausgelassen – nach dem Motto: if in doubt leave it out.

So wurde ich vor vielen Jahren beauftragt, einen bereits ins Englische „übersetzten“ Lebenslauf eines Tourismusmanagers „dringend durchzusehen“. Wie „dringend“ die Sache war, stellte sich während eines im Anschluss an die Beauftragung durchgeführten Telefongespräch heraus: Ich musste auf der Stelle zur Tat schreiten, denn der betreffende Manager saß zum Zeitpunkt unseres Telefonats bereits beim Vorstellungsgespräch! In aller gebotenen Eile öffnete ich also das deutsche Original und die dazugehörige englische Übersetzung.  Zu diesem Zeitpunkt erfasste mich die erste (und glücklicherweise auch letzte) Panikattacke meines Lebens. Die Übersetzung war nicht einmal halb so lang, weil der perfekt Englisch sprechende Mitarbeiter, Dinge, die ihm nicht wichtig genug erschienen, um in einem Lebenslauf aufzuscheinen, einfach weggelassen hatte… Nun ja, der Manager musste seinen Lebenslauf zu einem späteren Zeitpunkt nachreichen. Ob er den Job bekam, ist nicht überliefert.

Derartige Dinge passieren heute nicht mehr. In den Unternehmen bedient man sich zwar immer noch gerne der hauseigenen Ressourcen, aber diese übersetzen nicht mehr selbst, sondern lassen übersetzen. Und obwohl der Gratis-Übersetzer im Internet nicht „perfekt“ ist, so lässt er wenigstens keine Textpassagen aus.  Ob das allerdings immer ein Vorteil sein muss, darf bezweifelt werden.  Vor einiger Zeit erreichte mich nämlich wieder einmal einer dieser Durchseh-Aufträge und darin fand sich folgender Satz: „To convince, knows where to stick their own viewpoints and compromise are has, situationally adapted degree of state assets in respect of the credible Represented positions in difficult customer / supplier constellations“

Das war’s. Nach der Lektüre dieses Satzes, war die Zeit reif für eine lange überfällige Entscheidung: Ich beschloss, keine „Korrekturleseaufträge“ dieser Art mehr zu übernehmen oder höchstens gegen die Bezahlung eines Anwalts- oder Arzthonorars. Das hat mir allerdings noch niemand angeboten.


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