28.10.2013
Von: Helga Klinger-Groier

Sprachkatastrophen-Schutz


Neben immer niedrigeren Honoraren verdanken wir  Übersetzerinnen und Übersetzer der Globalisierung auch einen neuen Geschäftszweig:  die so genannten „linguistic disaster checks“. Dass man mit einem beispielsweise in Amerika konzipierten Produktnamen nicht automatisch in jedem Land der Welt reüssieren kann, musste auch Microsoft mit seinem Produkt „Windows Vista“ schmerzlich zur Kenntnis nehmen. In Lettland wurde man dafür nämlich ausgelacht, weil „Vista“ auf Lettisch offenbar eine sexuelle Konnotation hat und „Hühnchen“ oder „alte Jungfer“ heißt.   

Ähnliche Erfahrungen machten und machen auch andere Weltkonzerne, insbesondere das Möbelhaus aus Schweden mit seinen vielfältigen Produktnamen, die sich außerhalb Schwedens teilweise doch recht sonderbar lesen und anhören. So muss es beispielsweise für englischsprachige Kunden doch recht amüsant sein, einen Arbeitstisch namens „Fartfull“ zu erwerben.  Noch schlimmer kam es für das Möbelhaus im Jahr 2001, als man ein Kinderbett namens „Gutvik“  auch auf dem deutschsprachigen Markt verkaufen wollte.  Mit den äußerst üblen Konnotationen im Deutschen konfrontiert, antwortete die Pressesprecherin des Möbelkonzerns damals: „Ja, wir bieten ein Bett mit diesem Namen an - Aber ausgesprochen heißt es "Gütwik" und ist der Name eines kleinen schwedischen Ortes. Wir sind nicht darauf gekommen, dass der Name obszön klingen könnte.“ 

Peinlichkeiten dieser Art (und vermutlich mangelnder Umsatz) haben dafür gesorgt, dass Firmen sich dieses Katastrophenpotenzials zunehmend bewusst werden und ihre Produktnamen vorher von sprachlich geschultem Personal prüfen lassen.  Nun bin auch ich seit einiger Zeit auf dem Gebiet des sprachlichen Katastrophenschutzes tätig.  Bei der Überprüfung der vorgeschlagenen Produktnamen auf ihre internationale Tauglichkeit werden auch Besonderheiten in der Aussprache berücksichtigt, um ein „Gutvik-Betten“-Desaster in Zukunft zu verhindern.  Details aus meinem segensreichen Wirken kann ich Ihnen aufgrund diverser Verschwiegenheitsklauseln leider (noch) nicht verraten. Nur so viel: es waren bislang durchaus einige Kandidaten mit Katastrophenpotenzial  darunter.  

Ein Bereich, wo sich sprachlicher Katastrophenschutz ebenfalls bezahlt machen würde, bisher aber offenbar noch keine Anwendung findet, sind diverse Beiträge in den Lokalteilen österreichischer Zeitungen.  So fand sich beispielsweise am 10. September dieses Jahres in der Kleinen Zeitung ein Artikel unter dem Titel „Jetzt wackeln weitere Kraftwerke“.  Zunächst reagiert man geschockt: Fukushima in der Steiermark? - Glücklicherweise handelt es sich in Wirklichkeit nur um eine sprachliche Katastrophe, denn es sollte lediglich zum  Ausdruck gebracht werden, dass es in der Steiermark keine weiteren Genehmigungen für bereits geplante Wasserkraftwerke gibt.

Abschließend noch eine Perle aus der österreichischen Tageszeitung Kurier vom April dieses Jahres. In einem Bericht über das ungeklärte Verschwinden eines Jugendlichen heißt es: „Kurz nach Mitternacht hatte der Bursch den Jugendtreff verlassen um die knapp 200 Meter nach Hause zu gehen. Dort kam er nicht an. Eine viertel Stunde (sic!) später begannen die Geschwister…. nach ihm zu suchen.“ Vom fehlenden Komma und dem Rechtschreibfehler einmal abgesehen, stellt sich folgende Frage: Woher weiß man, zu welchem Zeitpunkt man ein Haus verlassen soll, wenn dies eine Viertelstunde nach dem Nichterscheinen einer Person geschehen soll?  Zweckdienliche Hinweise in Kommentarform erbeten.


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