18.12.2013
Von: Helga Klinger-Groier

Von Wörtern und Unwörtern


Von Wörtern und Unwörtern

Gerade noch rechtzeitig, bevor die Spannung ins Unermessliche steigen konnte, war es vor kurzem endlich wieder soweit: die Forschungsstelle Österreichisches Deutsch an der Karl-Franzens-Universität Graz kürte das österreichische Wort des Jahres. „Fränkschämen“. Hmm…

Na ja, ist ja recht originell und kreativ, aber haben Sie dieses Wort vor seiner Ernennung schon jemals gehört oder gelesen? Ich auch nicht. Eine kleine private Umfrage brachte ebenfalls keinen Beleg, dass dieses Wort im täglichen Sprachgebrauch Verwendung findet. Eine auf den Zeitraum bis Ende November dieses Jahres beschränkte Google-Suche ergab genau zwei Treffer.  Wie es ein derartiges Wort zum „Wort des Jahres“ schafft, bleibt rätselhaft, denn das Wort sollte laut den auf der Webseite der Forschungsstelle zitierten Auswahlkriterien „1. im heurigen Jahr, 2. in Österreich, 3. wichtig, 4. häufig, 5. von besonderer Bedeutung und 6. von besonderer sprachlicher Qualität sein. “ Nun ja, Kriterium 2 ist ganz sicher erfüllt. Aus diesem Grund wagen wir die Prognose, dass sich 1. im nächsten Jahr, 2. in Österreich, 3. ganz sicher, 4. niemand, 5. außer den Mitgliedern der Auswahljury, 6. an dieses Wort erinnern wird.

Einen verdienten Sieger hingegen brachte die Wahl zum österreichischen Unwort des Jahres hervor: „inländerfreundlich“. In der Begründung der Jury heißt es: „Dieses an sich positive Wort wurde …von einer wahlwerbenden Partei verwendet. Im gegenwärtigen politischen Zusammenhang ist damit jedoch das Gegenteil, nämlich die verhüllte Bedeutung „ausländerfeindlich“ gemeint.

Ein (Un-?) Wort, das ebenfalls gerade einen Bedeutungswandel ins Gegenteil durchläuft, hätte ich auch anzubieten: „konstruktiv“.  Warum? Das will ich Ihnen gerne erklären. Ist Ihnen aufgefallen, wie viele „konstruktive Gespräche“ in den letzten Wochen und Monaten geführt wurden und wie diese schließlich endeten?  

Zunächst hätten wir da einmal die „konstruktiven“ Gespräche zwischen den USA und dem Iran über dessen atomare Ambitionen. Begonnen haben die Verhandlungen am 29. September dieses Jahres. Man war so konstruktiv, dass man beschloss, am 30. Oktober in „substanzielle Diskussionen“ einzutreten.  Am 21. November wurden die Gespräche fortgesetzt und tatsächlich:  am 24. November kam der „Durchbruch“. Wohin man durchbrach, kann hier nachgelesen werden.

Überaus  konstruktiv verliefen auch die Gespräche zwischen Republikanern und Demokraten im Streit um die Anhebung der Schuldenobergrenze der USA von Anfang bis Mitte Oktober diesen Jahres. Man war zumindest nicht gänzlich destruktiv, so dass man die Zahlungsunfähigkeit doch noch etwas aufschob und bis 7. Februar nächsten Jahres liquide bleiben wird.  Danach hat  man wieder einigen Spielraum, konstruktive Gespräche zu beginnen.

Den Weltmeistertitel in konstruktiver Gesprächsführung verdient sich allerdings die österreichische Lehrergewerkschaft. – Bitte jetzt nicht aufhören zu lesen, es bleibt interessant, versprochen.

Diese Gewerkschaft verhandelte nämlich mit den jeweiligen österreichischen Regierung seit 2001 -nein, das ist kein Tippfehler,  ich meine wirklich 2001 und nicht 2010 – ein neues Lehrerdienstrecht.  Bevor man Verhandlungen kürzlich abbrach und sich auf Proteste verlegte, erschienen ungezählte Berichte über „konstruktive Gespräche“ (hier nur ein Beispiel).

Man kommt also in 12 Jahren auf keinen grünen Zweig, bezeichnet die Verhandlungen aber als  „konstruktiv“. Was lernen wir daraus? Mit dem Wort muss etwas passiert sein.

Seien Sie also gewarnt, wenn Ihnen das nächste Mal jemand für ein „konstruktives Gespräch“ dankt. Sie können sicher sein, dass entweder absolut nichts herausgekommen ist oder Sie auf ganzer Linie über den Tisch gezogen wurden.


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