20.01.2014
Von: Helga Klinger-Groier

Integrationsbericht


Zu Beginn eines neuen Jahres stehen üblicherweise gute Vorsätze im Vordergrund, doch da mein einziger Vorsatz auch heuer wieder darin bestand, keine Vorsätze zu haben, widmen wir uns lieber einem kurzen Rückblick auf das abgelaufene Jahr. Um den Sprachreinhaltern eine Freude zu machen (und ihre Aufmerksamkeit von Tomatentunke mit gerösteten Kartoffelscheiben in geistig höhere Sphären zu hieven) erzähle ich die Geschichte einer  englischen Phrase, die es in den letzten Monaten geschafft hat, im Rekordtempo in die deutsche Sprache integriert zu werden – und das mit tatkräftiger Hilfe meiner Wenigkeit und der meiner Kollegen.

 Es geht um die so genannte „Forward Guidance“. Nie gehört? In diesem Fall gehören Sie offenbar zu jener  verschwindend kleinen Minderheit, die sich nicht täglich über Strategie und Politik der führenden Notenbanken dieser Welt informiert.  Zur Erklärung: Die Notenbanken fanden es in der Vergangenheit angebracht, nichts, aber auch gar nichts, über ihre Strategien zu verraten. Nun hat sich das geändert und man will den potenziell Interessierten, aber vor allem den Anlegern doch kleine Einblicke gewähren und mitteilen, was man so vorhat.  Dafür wurde dieser Begriff geprägt.

Etwa um die Jahresmitte 2013 tauchte diese Phrase erstmals in einem von mir zu übersetzenden Artikel auf.  Ratlosigkeit machte sich breit. In einem ersten hilflosen Reflex durchsuchte ich mehrere Quellen im Internet und fand nichts außer einer langatmigen Erklärung auf der Webseite einer Notenbank. Es half nichts: ich musste kreativ werden und entschied mich nach einigem hin und her für so etwas wie „zukunftsgerichtete Orientierungshilfe im Hinblick auf die Niedrigzinspolitik “.  Sperrig, aber in einem längeren Artikel bei einmaligem Vorkommen unauffällig unterzubringen.

In den darauf folgenden Wochen  kam der Terminus  offenbar langsam in Mode (zumindest in Fachkreisen) und so begann ich mich einmal umzusehen, was meine Kollegen damit machten. Aha. Die waren also schon ein Stück weiter. Sie ließen den Begriff stehen und warteten mit einer Erklärung in Klammer auf. Auch eine Möglichkeit.  Doch die Stunde der  Wahrheit rückte näher und ereilte mich schließlich in Form eines Artikels des Ökonomen Marcel Fratzscher. Darin kam „forward guidance“ gefühlte 3000 Mal vor. Und nicht nur im Artikel, sogar in der Überschrift. Was tun? 3000 Mal „zukunftsgerichtete Orientierungshilfe…usw.“ oder 6000 Klammern?

Jetzt musste es sein. Ich betätigte mich als linguistische Schlepperin. Ich übersetzte „Forward Guidance“ mit „Forward Guidance“, auch auf die Gefahr hin, in diversen Experten-Foren zum x-ten Mal gefragt zu werden, warum ich nicht ins Deutsche übersetze.  Nun wurde es aber spannend. Da die Übersetzung dem Autor noch einmal vorgelegt werden musste, würde ich bald Klarheit haben.  Und siehe da: kein Wort der Kritik und keinerlei Änderungswünsche.

Wir dürfen „Forward Guidance“ somit herzlich im Deutschen willkommen heißen. Die Phrase darf sich jetzt einen Platz im deutschen Wortschatz aussuchen. Gut wäre es vielleicht irgendwo zwischen „Subprime-Hypotheken“, „Credit Default Swaps“ und den „Outright-Geschäften“.


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