28.05.2013
Von: Helga Klinger-Groier

Übersetzen im Keller


Als selbständige (Fach-)Übersetzerin kann man sagen, muss man viel Verdruss ertragen. Wer in der Branche wüsste das nicht. Der ständige Kampf um Aufträge, die nervtötenden Erklärungen, warum eine Übersetzung so viel kostet und überhaupt so lange dauert, die fruchtlosen Debatten über Probeübersetzungen, unregelmäßige Arbeitszeiten, und so weiter und so fort.  Doch dass es sich dabei wahrhaft um Luxusprobleme handelt,  war mir nicht bewusst, bis ich in der Online-Ausgabe des deutschen Magazins Focus vom 15. Mai 2013 ein Interview mit dem deutschen Literatur-Übersetzer Rainer Schumacher las.

Dieser war in den letzten Monaten mit der Übersetzung des neuen Romans „Inferno“ von Dan Brown beschäftigt. Klar kann sich jeder und jede ausmalen, welche „Confidentiality Agreements“ man als Übersetzer eines derartigen potenziellen Bestsellers wohl unterschreiben muss. Und man verfügt auch über ausreichend Fantasie, um sich die Höhe der Strafzahlungen vorzustellen, die im Falle der Nichteinhaltung des Vertrages fällig werden.  Von den Zeitvorgaben ganz zu schweigen – die deutschsprachige Leserschaft will ja schließlich nicht ewig warten.  Alltäglicher Übersetzer-Verdruss eben, dachte ich.

Doch im Interview wurde wahrhaft Unfassbares enthüllt: „Damit kein Kapitel von `Inferno‘ vorzeitig nach außen dringen konnte, wurde Rainer Schumacher zusammen mit zehn Übersetzerkollegen für zwei Monate in einen norditalienischen Keller gepfercht“. Bitte das ist KEIN Scherz! Im Interview spricht Schumacher auch noch von den Vorteilen der Arbeit im „Kellerverlies“ und lässt die geneigte Leserschaft wissen, dass es zu Recherche-Zwecken „Internet-Nutzung gab“ und zwar „Extra-Rechner, auf denen auch nur der Browser lief. Aber immer waren die Sicherheitsleute im Raum, die alles im Auge behielten.“

Tröstlich immerhin, dass er das „Übersetzercamp“ für Spaziergänge verlassen durfte. Aber: „Ich musste mich eben jedes Mal beim Sicherheitsdienst abmelden“. Wenn’s weiter nichts ist. Und bei seiner Rückkehr musste er sich vermutlich wieder anmelden, aber er hatte Glück, denn „der Raum war ja beheizt….und auch gut belüftet“. Naja, dann… Doch ein gewisser Unmut dürfte sich in den Monaten im Keller doch breitgemacht haben, denn am Ende des Interviews sagt Schumacher: „Früher habe ich auch gerne Dan Brown gelesen. Aber seit ich ihn übersetze, suche ich die Abwechslung zu meiner Arbeit.“ Man kann es dem Mann nicht verdenken.

Und anstatt meine Problemchen zu wälzen, werde ich in Zukunft an den Keller-Übersetzer denken, wenn ich in meinem Büro im dritten Stock mit schöner Aussicht ins Grüne sitze und zwar im vollen Bewusstsein meiner Freiheit, die Stätte meines Wirkens ohne Abmeldung beim Sicherheitsdienst jederzeit verlassen zu können


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