12.06.2013
Von: Helga Klinger-Groier

Experten allerorten


Unlängst begann ein Tag in meinem Übersetzerleben mit folgendem Satz: "One thing that experts know, and that non-experts do not, is that they know less than non-experts think they do". Diese Wort-Ansammlung  schmerzte zunächst einmal optisch und hinterließ auch Kratzspuren in meinen morgendlich unverbrauchten Gehirnwindungen.

Auf den zweiten Blick offenbarte sich mir jedoch die tiefere Wahrheit dieses Satzes und sofort kamen mir die unzähligen selbsternannten „Experten“ in den Sinn, die in den Foren jener Zeitungen posten, in denen die deutschen Übersetzungen der Kommentare von Project Syndicate veröffentlicht werden.  Diese Experten kommentieren in erster Linie überaus sachkundig den Inhalt der Artikel. So wurde beispielsweise ein Artikel des Wirtschaftsnobelpreisträgers Joseph Stiglitz einmal  expertenhaft mit dem Kommentar bedacht: „Dafür bekommt man heutzutage den Nobelpreis?“ Nein, für Zeitungsartikel hat er ihn tatsächlich nicht bekommen.

Aber in diesen Foren tummeln sich natürlich auch unzählige Übersetzungsexperten, denen es nicht an fachkundigen Verbesserungsvorschlägen mangelt, die meistens auch noch in triumphalem Ton vorgebracht werden.  So geschehen im Forum der Tageszeitung Der Standard im Mai 2008. Veröffentlicht wurde ein Artikel des Ökonomen Nouriel Roubini, der sich zur damals bevorstehenden Rezession in den USA seine Gedanken machte.  Der Experte „SpaceDudeAlien“ begann seine Kritik an der Übersetzung des Artikels mit dem Eingeständnis, dass er das „Original nicht kennt“.  Das ist natürlich überhaupt die beste Voraussetzung für die Qualitätsbeurteilung einer Übersetzung.

Weiter schrieb er: "...Bau...50% zurückgegangen...neue Häuser um über 60%... Dadurch...enormes Überangebot..."??? Wenn der Bau zurückgeht, ensteht(sic!) dadurch MIT SICHERHEIT kein Überangebot, im Gegenteil“

Experte „SpaceDudeAlien“ konnte sich also keinen Reim mehr machen. Und weil er nicht für möglich hielt, was er las, musste natürlich die Übersetzung schuld sein (auch wenn er das Original nicht kannte). Roubini schrieb im Original: „Construction of new homes has fallen about 50%, while new home sales are down more than 60%, creating a supply glut that is driving prices down sharply…” Die Übersetzung dazu lautete: „Der Bau neuer Eigenheime ist um etwa 50 Prozent zurückgegangen und die Verkäufe neuer Häuser um über 60 Prozent. Damit ist ein enormes Überangebot entstanden, wodurch die Preise stark fallen…“  Ich kann bis heute keinen Übersetzungsfehler finden.  Mich dünkt also eher, dass unser Experte Roubini nicht ganz verstanden hat.

Eines ist jedenfalls festzustellen: Experte „SpaceDudeAlien“ bracht seine Kritik wenigstens einigermaßen sachlich vor. Immerhin etwas. Denn ich kenne auch andere „Übersetzungskritiken“, die hart an der Grenze zur persönlichen Beschimpfung changieren. Einmal klagte beispielsweise ein User (in einem mittlerweile gelöschten Forumsbeitrag), dass „diese Frau Klinger-Groier keine Ahnung… hat“ und er sich deshalb frage, wieso man mich überhaupt Übersetzungen anfertigen lässt. Ich frage mich eher, wer wohl hinter solchen Postings steckt. Aber im Schutz der Anonymität ist es halt leicht, Experte zu spielen


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